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Auszüge aus einem Artikel:
 
DIE ZEIT Nr.34, 18. August 2005
 

Inflation frisst die Rendite

Private Altersvorsorge ist in vielen Staaten Mittel und Osteuropas Pflicht. Doch die Ergebnisse enttäuschen


von Hubert Beyerle
 
[...] In Polen zum Beispiel werden monatlich sieben Prozent des Lohns abgezweigt und in regulierte Fonds für die Altersvorsorge gelenkt - als private Ergänzung zur staatlichen Rente. Das Vermögen dieser Pensionsfonds ist seit der Reform 1999 von null auf 17 Milliarden Euro gestiegen - Traumbedingungen also für die Geldeinsammler.
 
[...]
 
Leitgedanke des Systemwechsels war, dass nicht mehr der Staat, sondern der einzelne Bürger über seine Altersvorsorge entscheiden solle. In einem privaten System seien die Renditen und damit die Renten höher als in staatlich kontrollierten Umlagesystemen, hieß es allerorten. Als Drehbuch für den Wandel diente eine Studie der Weltbank (Averting the Old Age Crisis), die ein flammendes Plädoyer für die kapitalgedeckte Altersvorsorge war. Ziel der Weltbank war es auch, mit den Rentenreformen die Kapitalmärkte in Osteuropa zu stärken. Ein funktionierender Finanzsektor, so die Weisen aus Washington, sei schließlich ein entscheidender Schlüssel zu höherem Wirtschaftswachstum.
 
[...]
 
Mit Ausnahme von Kasachstan kam es nicht zu einer Vollprivatisierung, sondern nur zum Aufbau einer zusätzlichen »zweiten Säule«.
 
Die allerdings ist obligatorisch. Also fließt ein Teil der Rentenbeiträge in Polen, Ungarn, Bulgarien, Lettland und Estland in private Pensionsfonds. Dabei ist den Arbeitnehmern freigestellt, für welchen Anbieter sie sich entscheiden. Wie allerdings die Fondsanteile später bei Erreichen des Rentenalters ausgezahlt werden, ob sie vererbbar sind - das sind Details, die in den meisten Ländern noch nicht feststehen.
 
Gedreht wurde im Zuge der Reformen an vielen Rädchen. Das Renteneintrittsalter wurde erhöht und liegt inzwischen in den meisten Ländern bei 60 bis 65 Jahren. Aus der staatlichen umlagefinanzierten »ersten Säule« verschwanden vielerorts die alten Rentenformeln, die in der Vergangenheit auch Arbeitnehmern mit geringen Beiträgen ein ausreichendes Auskommen im Alter gesichert und so eine allzu große Spreizung der Renten zwischen Arm und Reich verhindert hatten. »In Ländern wie Polen, Ungarn, aber auch in Italien sind nach den Reformen Umverteilungselemente aus dem öffentlichen Rentensystem verschwunden«, sagt OECDExpertin Queisser.
 
Die Verwaltungskosten sind viermal höher als beim Staat
 
Inzwischen zeigt sich allerdings sehr deutlich, dass die kapitalgedeckte Altersvorsorge ein sorgloses Leben im Alter kaum garantieren wird. »Die Renditen der privaten Pensionsfonds stellten sich als viel niedriger heraus, als vor den Reformen prognostiziert worden war«, sagt Elaine Fultz, Rentenexpertin der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Budapest. Laut ILO lag in Ungarn in den ersten sechs Jahren seit Bestehen der Pensionsfonds deren durchschnittliche jährliche Rendite bei 3,75 Prozent - bei einer Inflationsrate von im Schnitt 6,6 Prozent. Ähnliches gilt für Polen. Dass die tatsächliche Performance weit hinter der vorhergesagten zurückfällt, bedeutet für künftige Rentner schlicht: Ihre angesparten Guthaben werden von Jahr zu Jahr immer weniger wert.
 
[...] Tatsächlich sind die Verwaltungskosten teilweise extrem hoch. Bis zu zehn Prozent der monatlichen Beiträge gehen in Polen dafür drauf, in einzelnen Fällen sind es bis zu 15 Prozent. In Ungarn liegen die Verwaltungskosten bei acht Prozent der Beiträge und damit viermal so hoch wie im öffentlichen System. Das Schlimme daran: Wegen der Tücken des Zinseszinses reduziert nach einer versicherungsmathematischen Faustregel eine um einen Prozentpunkt höhere Verwaltungsgebühr das angesparte Kapital (und damit die zu erwartende Rente) im Alter um 20 Prozent. Selbst wenn die Rendite in Zukunft positiv sein sollte, bleibt die Frage: »Ist sie positiv genug?«, zweifelt Maciej Zukowski, Professor an der Wirtschaftsuniversität Poznan in Polen. Vor allem für Marketing und Werbung geben die Fonds überdurchschnittlich viel Geld aus.
 
[...]
 
»Bei Menschen, die nur wenig sparen, steht der hohe Verwaltungsaufwand bei den Versicherungsunternehmen in keinem vernünftigen Verhältnis zu den zu erwartenden niedrigen Renten.«
 
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Albrecht Müller war u.a. Leiter der Planungsabteilung im Bundeskanzleramt bei Willy Brandt und Helmut Schmidt. Auf den NachDenkSeiten nimmt er Stellung zu aktuellen politischen Themen

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