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von Werner Schmiedecke


Am 8.3.2003 haben wir in Moritzburg bei Dresden das
 

Netzwerk

Christen streiten für gerechtere Verteilung von Erwerbsarbeit

gegründet. "Wir" - das sind 16 Frauen und Männer - vorwiegend, aber nicht nur aus dem kirchlichen Raum, die der Vision anhängen, dass es bei gerechterer Verteilung der Erwerbsarbeit besser und friedlicher in unserer Welt zugehen könnte. Weil wir glauben, was die Ökumenische Weltversammlung der Christen 1990 in Söul sagte: 'Frieden wächst aus Gerechtigkeit'. Bei Gerechtigkeit aber gibt es riesige Defizite, gerade auch bei der Verteilung von Erwerbsarbeit, wie uns die hohen und sogar wachsenden Arbeitslosenzahlen zeigen.
 
Wir sind sicher: Es gibt schon Leute, die das gleiche Ziel anstreben wie wir, aber wir kennen sie bisher nicht. Doch wir hoffen, sie zu finden. Dazu haben wir nun einfach begonnen und erst mal einen Pflock eingeschlagen. An den hängen wir fürs Erste ein paar Zettel an, aus denen Interessierte oder unsere noch unbekannten Mitstreiter mehr über uns erfahren und uns finden können. Also:
 

Was wir wollen

... das sagt schon unser Name, bedarf aber einiger erläuternder Worte. Unter Erwerbsarbeit verstehen wir nicht nur die heute üblichen Arten von bezahlter Arbeit, sondern auch andere Arten gesellschaftlich nützlicher Arbeit wie Familienarbeit und bürgerschaftliche Arbeit. Gerechtere Verteilung dieser Erwerbsarbeit heißt für uns, dass (fast) alle, die arbeiten wollen, auch die Möglichkeit dazu bekommen - damit möglichst wenige über Arbeitslosengeld oder ähnliche Hilfen alimentiert werden müssen, um überleben zu können. Dafür wollen wir streiten, weil gerechtere Verteilung nicht im Selbstlauf eintritt, denn es gibt auch Nutznießer ungerechter Verteilung, die ihre Vorteile behalten wollen.
 

Warum wir das wollen ?

Weil Arbeitslosigkeit eine schlimme Ungerechtigkeit ist. Darüber könnte man nun ein ganzes Buch schreiben - wir sagen nur Weniges, uns besonders Wichtiges dazu:
 
Ungerechte Verteilung von Arbeit mit ihrer Folge Arbeitslosigkeit macht krank und demoralisiert. Sie bewirkt wie alle ungerechten Verhältnisse Unfrieden. Auch eine Gesellschaft wird dadurch krank. Der geeignete Arzt für eine an Arbeitslosigkeit krankende Gesellschaft ist nicht eine starke Polizei, die die Habenichtse und Perspektivlosen an Übergriffen und zerstörerischer Gewalt hindert - die notwendige Medizin ist Abbau der Arbeitslosigkeit.
 
Wir glauben, dass hohe Arbeitslosigkeit keine zwangsläufige Begleiterscheinung moderner Marktwirtschaften, sondern heilbar ist. Das geeignetste Heilmittel ist nicht Wirtschaftswachstum, sondern schlicht und einfach gerechtere Verteilung der Arbeit! (Begründung weiter unten) Diese Orientierung ist begründungsbedürftig. Die plausibelste Begründung ist: Unsere Urgroßväter arbeiteten vor hundert Jahren noch 10 oder 12 oder gar noch mehr Stunden am Tag. Wir dagegen haben heute den gesetzlich verankerten (maximal-)8-Stunden-Tag. Durch Rückkehr zur Arbeitszeit unserer Vorväter bekämen wir schlagartig eine höhere Arbeitslosigkeit - das ist gewiss! Und umgekehrt ist gewiss: Mit deutlich weniger als 8 Stunden am Tag könnten wir die Arbeitslosigkeit absenken. Wo genau das Optimum der täglichen Arbeitszeit liegt - heute! - ist bisher nicht ermittelt. Vielleicht hat Ingrid Kurz-Scherf recht mit ihrer These "1000 Stunden sind genug!" - pro Jahr! Jedenfalls ist sicher: 40 Stunden pro Woche ist kein Naturgesetz, sondern änderbar und änderungsbedürftig.
 

Was wir nicht wollen

ist: Auf Problemlösung durch Wirtschaftswachstum hoffen. Denn in allen hochentwickelten Ländern unseres Kulturkreises hat sich das Wachstum des Bruttosozialprodukts auf durchschnittliche Werte zwischen 0 und 3% eingepegelt, im Mittel bei 1 bis 2%. Das reicht aber nicht, um den Arbeitsplatzabbau infolge Rationalisierung und technischen Fortschritts zu kompensieren.
 
Ganz im Einklang damit hat die Bayrisch-Sächsische Zukunftskommission ermittelt: Das in Deutschland nachgefragte Arbeitszeitvolumen ist in den letzten Jahrzehnten fortwährend gefallen. Und wenn uns die Wachstumspropheten sagen: Durch neue Technologien, neue Produkte und neue Märkte kommen doch laufend neue und sogar neuartige Arbeitsplätze dazu, von denen sich vorher niemand etwas träumen ließ, dann müssen wir dazu sagen: Gewiss, dass stimmt, aber dies ist schon in der ganzen Geschichte so und ebenso in den letzten Jahrzehnten, aus denen die Bayrisch-Sächsische Zukunftskommission ihre Daten bezogen hat. Ganz offensichtlich bringen neue Technologien weniger neue Arbeitsplätze, als umgekehrt durch Verschwinden alter Techniken verloren gehen.
 
Als Lösung wird in der öffentlichen Diskussion immer wieder Wirtschaftswachstum verkauft. Von dem dürfen wir realistischerweise aber nicht erwarten, dass es langfristig hoch genug wird, um Arbeitslosigkeit wirklich abbauen zu können. Wirtschaftswachstum kann nur einen Beitrag zur Dämpfung der Arbeitslosigkeit liefern. Auch ist zu bedenken: Quantitatives Wirtschaftswachstum belastet unsere Umwelt zusätzlich, deswegen ist qualitatives Wirtschaftswachstum vorzuziehen, besonders wenn es mit langlebigeren, gut reparierbaren und recycelbaren Produkten einhergeht - dann können sogar Folgearbeitsplätze entstehen. Insofern sind wir keine Gegner von Wirtschaftswachstum, wir wissen aber, das es allein das Problem der Arbeitslosigkeit nicht lösen kann.
 
Was wir auch nicht als sinnvolle Strategie ansehen (und hervorheben, weil es im Sozialwort der Kirchen noch vor gerechterer Verteilung von Arbeit steht) ist: Auf gesteigerte Wettbewerbsfähigkeit der eigenen, nationalen Wirtschaft setzen,

  • weil dies nur Erfolg bringt, wenn die Konkurrenz nicht das Gleiche tut - aber die schläft bekanntermaßen auch nicht
  • weil es (wenn es gelingen würde) das Problem nur zu den Nachbarn verlagert: Wie sehen wir das als Christen - oder auch als Europäer? Gibt es dann sogar mehr Migrationsdruck?
  • und weil drittens, wenn es allen gelingt, am Ende alle nur angestrengter arbeiten, ohne etwas gewonnen zu haben (siehe Ladenschlusszeiten, Wochenendarbeit)

Warum extra ein Netzwerk

Der Bedarf für ein Netzwerk ist dadurch begründet, dass nach unserer Wahrnehmung das Thema 'gerechtere Verteilung der Erwerbsarbeit' in den Kirchen nicht ausreichend diskutiert wird. Obwohl der Einsatz für gerechtere Verhältnisse zum prophetischen Auftrag der Kirchen gehört! Das Sozialwort der Kirchen von 1997 hat sich zwar in 'Arbeitslosigkeit abbauen' mit Wegen aus der Arbeitslosigkeit befasst, aber dabei vorrangig solche Wege angeboten, die auf Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit und verbesserte Rahmenbedingungen für die Wirtschaft bauen - das halten wir mindestens nicht für erfolgversprechend (siehe voriger Absatz). Erst an vierter Stelle benennt das Sozialwort als Weg aus der Arbeitslosigkeit das Teilen von Arbeit - und relativiert es sogleich wieder. Deshalb sehen wir die im Sozialwort angebotenen Wege aus der Arbeitslosigkeit als unzureichend an. Leider ist das Sozialwort entgegen ursprünglichem Vorhaben - und trotz offenbarem Bedarf! - auch nicht fortgeschrieben worden. Zwar gibt es zu unserem Problem aus dem Jahr 1998 ein von der Kommission VI der Deutschen Bischofskonferenz herausgegebenes Memorandum "Mehr Beteiligungsgerechtigkeit", aber für die gerechtere Verteilung von Arbeit liefert es keine über das Sozialwort von 1997 hinausgehenden Ansätze - eher bleibt es in der Deutlichkeit hinter dem Sozialwort zurück.
 
Schließlich hat auch die von der EKD-Synode im Jahr 2000 in Auftrag gegebene Studie "Arbeitszeitpolitik gegen Arbeitslosigkeit? - Strategien zwischen Wachstum und Umverteilung" weder zu neuer innerkirchlicher Diskussion noch zu deutlicherem Engagement der Kirchen für gerechtere Verteilung der Erwerbsarbeit geführt.
 
So sehen wir für dieses Thema in den Kirchen ein erhebliches Defizit bei Wahrnehmung, öffentlicher Diskussion und Einsatz nach innen und außen. Dieser Mangel muss aber behoben werden, wenn die Kirchen ihrem prophetischen Auftrag für gerechtere gesellschaftliche Verhältnisse und ihrer erklärten Option für die Armen gerecht werden wollen. Das Netzwerk will durch zusammengeführte Bemühungen von Engagierten helfen, dieses Defizit zu beheben oder wenigstens zu mildern.

An welche Wege wir denken

Unsere Kirchen haben zwar schon seit Langem zu solidarischem Teilen von Arbeit aufgerufen, diese Appelle haben aber nur wenige Gutwillige erreicht. Deshalb sind wir davon überzeugt , dass gerechtere Verteilung der Erwerbsarbeit in größerem Maßstab nur gelingen wird, wenn dafür neue Rahmenbedingungen geschaffen werden - sonst bleibt es bei den wenigen Gutwilligen, und die werden noch benachteiligt. Neue Rahmenbedingungen aber, wie

  • generelle Beschränkung der zulässigen Arbeitszeit für abhängig Beschäftigte,
  • durchgängige, dauerhafte Anreize für Teilzeitarbeit
  • Einführung einer Grundsicherung

kann nur der Gesetzgeber schaffen.
 
Für solcherart geänderte Rahmenbedingungen muss Akzeptanz aufgebaut werden. Dafür brauchen wir mehr öffentliches Wissen und öffentliche Diskussion über die Auswirkungen einer allgemeinen Arbeitszeitverkürzung. Ebenso muss die Bedeutung von Zeitwohlstand gegenüber Geldwohlstand stärker bewusst gemacht werden.
 
Hier gibt es noch große Lücken. So ist beispielsweise die Arbeit "Allgemeine Arbeitszeitverkürzung und ihre Auswirkungen auf Einkommen und soziale Sicherung" von Dr. Ellen Kirner und Dr. Volker Meinhardt1 vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) weitgehend unbekannt. Ihr wichtigstes Ergebnis: Schon mit einer durchschnittlich nur 10%igen Arbeitszeitverkürzung hätte 1995 in den alten Bundesländern die Zahl der Arbeitslosen auf fast Null abgesenkt werden können. UND: Die Nettoeinkommen wären dabei nicht (wie das Brutto) um 10% gesunken, sondern je nach Steuerklasse und Einkommenshöhe nur um 1,1 bis 5%! Die Kenntnis solcher Informationen würde die Zustimmung zu allgemeinen Arbeitszeitverkürzungen entscheidend vergrößern.
 
In der Diskussion um neue Rahmenbedingungen und veränderte Wertebilder könnten die Kirchen eine wichtige Rolle spielen. Deshalb sehen wir in der kirchen-öffentlichen Thematisierung der gerechteren Verteilung von Erwerbsarbeit eine sehr wichtige Aufgabe.
 

Wir sind im Lernen und Werden

Wir wissen, das wir erst wenig wissen. Und dass wir auf einem Weg sind, den wir erst voll beurteilen können, wenn wir ihn gegangen sind. Deshalb stellen wir uns darauf ein, noch viel lernen zu müssen - an Erfolgen wie an Widerständen, von Freunden wie von Kritikern. Und in dem Maß, wie wir dazulernen, wird sich auch unsere Selbstdarstellung ändern können. Nur unserem Grundziel wollen und müssen wir treu bleiben, der gerechteren Verteilung der Erwerbsarbeit.
 

Wer uns auf unserem Weg willkommen ist

Wer sich mit unserem Grundziel der gerechteren Verteilung der Erwerbsarbeit identifizieren kann, ist uns herzlich willkommen - unabhängig davon, welcher Konfession oder Kirche sie oder er angehört oder ob überhaupt eine religiöse Beziehung besteht. Dies gilt unabhängig davon, dass die Gründungsmitglieder selbst zum großen Teil in einer Kirche beheimatet sind und ihre Motivation aus ihrem Glauben beziehen.
 
Mit Netzwerken und Gruppen, die ähnliche, aber nicht gleiche Ziele wie wir verfolgen oder die auf andere Zielgruppen orientiert sind, möchten wir gern kooperieren.
 

Was wir schließlich erhoffen

ist zunächst, dass es gelingt, das Problem 'gerechtere Verteilung von Erwerbsarbeit' in den Kirchen wirklich zum Thema zu machen. Das wird nur gelingen, wenn viele und engagierte Mitstreiter zum Netzwerk finden - oder wir diejenigen finden, die auf den Weg schon weiter sind. Und wir hoffen, dass es so gelingt, dass unsere Kirchen glaubwürdig und tatkräftig verändernd in die Gesellschaft hineinwirken können.
 

Was wir endlich auch wissen

Die Arbeit des Netzwerks wird nicht in einem einmaligen Kraftakt zu leisten sein, sondern wird einen langen Atem brauchen. Die Motivation und die Kraft für dieses Unternehmen können wir als Christen aus unserem Glauben nehmen.
 
Denn wir glauben: Unser Gott ist einer, der Freude an Gerechtigkeit hat.
Im Vaterunser beten wir "Dein Reich komme, Dein Wille geschehe!"
Das erfordert, dass wir uns auch persönlich für mehr Gerechtigkeit in die Pflicht nehmen lassen.
 
 

1 ... Ellen Kirner, Volker Meinhardt (DIW, Berlin): "Allgemeine Arbeitszeitverkürzung und ihre Auswirkungen auf Einkommen und soziale Sicherung", Hans-Böckler-Stiftung 1997, Graue Reihe -Neue Folge 136



Was wir wollen

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